17 Januar 2010

Faszination Lappland

von werc | 18:09 Uhr | Allgemeines

Zwischen dem Ende meiner Prüfungen und Weihnachten war noch eine ganze Woche frei und rein zufällig hatte der lokale Reiseanbieter Aikamatkat gerade in dieser Zeit noch eine Reise nach Lappland im Angebot. Die perfekte Gelegenheit, das erste Semester schön ausklingen zu lassen und zur richtigen Jahreszeit ins Land des (finnischen) Weihnachtsmannes zu fahren. Am Montag, dem 14.12. ging es spät abends mit dem Bus auf die erste lange Nachtfahrt. In Tampere wurde es langsam richtig kalt und ein wenig Schnee lag auch schon, aber gegen die vorhergesagten -29 °C in Inari war es dann doch noch ganz annehmbar hier.

Dienstag:
Lordi-Platz in Rovaniemi
Gegen 9.00 Uhr morgens sind wir nach gut 700 km in Rovaniemi, der Hauptstadt finnisch Lapplands, angekommen. Der prognostizierte Sonnenschein lag zwischen 10.57 Uhr und 13.26 Uhr, bei unserer Ankunft war es also noch relativ dunkel. Viel von der Stadt haben wir nicht gesehen und bei -20 °C ist man dann doch bestrebt, das Umherlaufen auf ein Minimum zu reduzieren. Ein kurzer Abstecher zum Fluss Ounasjoki und ein Blick ins Stadtzentrum zum Kaffeetrinken mussten reichen. Danach ging es schon weiter zum Arktischen Zentrum und Provinzmuseum Lapplands, dem Arktikum. Dort gibt es jede Menge über die Natur, Menschen und Kulturen des Nordens und insbesondere Lapplands zu erfahren. Das Gebäude mit einem 174 m langen Glasgewölbe wurde bewusst als symbolisches Tor gen Norden gebaut. Das ganze Museum ist wirklich sehr anschaulich aufbereitet, die Führung lohnt sich und ich kann es auf jeden Fall weiterempfehlen. Dritte und natürlich obligatorische Station in Rovaniemi war das Weihnachtsmanndorf direkt auf dem Polarkreis. Hier in Finnland weiß jedes Kind, dass der „Joulupukki“ nicht am Nordpol, sondern im Korvatunturi (Ohrenberg) in Lappland wohnt. Als dort vor gut 60 Jahren aus Naturschutzgründen kein weihnachtliches Tourismuszentrum gebaut werden durfte, ist man kurzerhand auf das 200 km entfernte Rovaniemi ausgewichen. Polarkreis in Rovaniemi Eigentlich ist das Ganze mehr oder weniger ein Weihnachts-Shopping-Zentrum mit ganz vielen kleinen Läden. Darüber hinaus kann man den Bärtigen persönlich treffen und für 25 € ein Erinnerungsfoto mit nach Hause nehmen. Im offiziellen Weihnachtspostamt kann man das ganze Jahr über seine Weihnachtspost in einen speziellen Briefkasten stecken und die wird dann pünktlich zum nächsten Weihnachtsfest mit handgestempeltem Sonderstempel verschickt. Zudem landet dort jährlich die Post von mehreren hunderttausend kleinen und großen Kindern. Deren Umschläge, die z.B. nur mit „Santa in Finland” beschriftet sind, werden in kleinen Päckchen als Souvenir zu Gunsten von UNICEF verkauft. Wer sicher gehen will, dass die Post auch wirklich ankommt, der schreibt lieber an die offizielle Adresse: Santa Claus, FIN-96939 Arctic Circle. Mein Geschenk gab es übrigens nicht vom Weihnachtsmann, sondern vom ansässigen Juwelier: die 1 und 2 Cent Münze von Finnland. Glücklich und geschafft ging es anschließen noch einmal einige hundert Kilometer weiter in den Norden bis zum Jugendzentrum Vasatokka in Inari und kurz nach der Ankunft gab es auch schon die ersten Polarlichter zu sehen. Zudem ist die Lichtverschmutzung dort so gering, dass man endlich mal einen Sternenhimmel zu sehen bekommt, wie er richtig sein sollte…

Mittwoch:

Bereits um 8.00 Uhr steht theoretisches Überlebenstraining auf dem Stundenplan. Dort lernt man dann zum Beispiel, dass Bäume Richtung Norden kleinere und kürzere Äste haben oder wie man im Schnee ein Feuer macht. Größere Verletzungen sollte man sich lieber nicht zulegen, das nächste Krankenhaus ist gut 300 km entfernt in Rovaniemi. Feuerstelle Zum Schluss wurde noch der Umgang mit Karte, Kompass & GPS gelernt und dann ging es auch schon zum Schneeschuh-Orientierungslauf in den Winterwald. Wir hatten an dem Tag ziemliches Glück mit dem Wetter. Auch wenn die Sonne unter dem Horizont bleibt, wird es trotzdem hell und der Himmel rot wie eben ganz kurz vor einem richtigen Sonnenaufgang. Dazu noch mitten im Wald mit Unmengen von Schnee, auf dem man mit den Schneeschuhen ziemlich einfach querfeldein laufen kann. Schon dieses Erlebnis an sich war das Highlight des Tages. Den heißen Eintopf zum Mittagessen gab es auch gleich in der Natur und bei -22 °C war das Lagerfeuer nicht nur zum Kaffeetrinken ein beliebter Platz. Der Nachmittag bzw. die Zeit bis zum Eintreten der Dunkelheit um etwa 15 Uhr war gefüllt mit weniger erfolgreichem Eisangeln, Feuer machen und Quinzhee bauen. Letzteres ist eine Art Iglu, das aber nicht aus einzelnen Blöcken, sondern aus einem großen Schneehaufen gebaut wird, der von innen ausgehöhlt wird. Die Nordlichter am Abend waren diesmal noch schöner und weiter als am Tag zuvor.

Donnerstag:

600 km im Bus, nur um zum Arktischen Ozean zu fahren? Das Angebot klang nicht gerade verlockend, aber aufgrund fehlender Alternativen und der Empfehlung früherer Reisender bin ich doch mit – und es hat sich letztendlich gelohnt. Los ging es um 7.00 Uhr morgens als erstes zu den Kirchenstuben am Mantojärvi in Utsjoki. In fast kompletter Dunkelheit waren die Holzbauten aus dem frühen 19. Jahrhundert eher nicht besonders spannend. Tenojoki Den ganzen Tag über war der Himmel voller Wolken und zusammen mit den ständigen Schneeschauern wurde es auch nicht mehr richtig hell. Weiter ging die Fahrt entlang des zugefrorenen Tenojoki, dem lachsreichsten Fluss Europas. Im Spitzenjahr 2001 wurden ganze 250 Tonnen Lachs aus dem Flusssystem geangelt und dabei geht die Saison nur von Juni bis August. Nächste Station war Nuorgam, das nördlichste Dorf Finnlands und der EU. Auf der anderen Seite der Grenze und des Tenojoki liegt Norwegen, was man vereinzelt an der Zahl der Bauernhöfe sehen kann, die sich aufgrund der besseren Förderung durch die norwegische Regierung dort angesiedelt haben. Zum Einkaufen kommen sie dann aber doch lieber auf die finnische Seite und so hat der Supermarkt in Nuorgam extra ein erweitertes Angebot an Fleischprodukten. Je weiter man nach Norden fährt, desto mehr ändert sich die Landschaft. Die Bäume werden kleiner und in Norwegen gibt es dann nur noch Tundra. Die letzten Ausläufer des Golfstroms machen sich bemerkbar, das Klima wird wieder etwas milder und es liegt weniger Schnee als in finnisch Lappland. Das Ziel des Tages war Bugøynes, ein kleines Dorf mit jeder Menge Häuser finnischer Bauart und einem großen Strand zum Arktischen Ozean. Immerhin groß genug für eine Kirche und einmal im Monat kommt ein Pfarrer vorbei. Auf dem anliegenden Friedhof wächst im Sommer die eher seltene Jakobsleiter Polemonium Boreale. Trotz Minusgraden und Schneesturm ließen es sich zahlreiche Leute nicht nehmen, im eiskalten Meer zu baden. Oder eher schreiend hinein zu rennen und genauso schnell wieder heraus zum warmen Bus zurück. (Video) Wegen des schlechten Wetters und zahlreicher Schneeverwehungen ging es anstatt einer Runde auf dem gleichen Weg wieder zurück. Gelohnt hat sich der Tag vor allem wegen der beeindruckenden Landschaft und der kompletten Änderung der Vegetationszone in einem doch relativ begrenztem Gebiet. Das hatte ich so nicht erwartet.

Karte der gesamten Reisestrecke und der Fahrt zum Arktischen Ozean:


Freitag:

Ausschlafen! :) Erst 10 Uhr morgens steht der Skilanglauf-Kurs an. Mit Rücksicht auf die kompletten Neueinsteiger beschränkte sich das Fahren leider ausschließlich auf ein paar Runden im Gelände. Es war trotzdem wieder mal schön, eine Weile auf den Brettern zu stehen und ich hoffe das diesen Winter in Tampere noch etwas ausweiten zu können. Nach dem Mittagessen ging es mit dem Bus zur naheliegenden Rentierfarm. Von den samischen Züchtern gab es jede Menge zur Kultur und den Tradition der Samen, sowie natürlich alles über die Paarhufer zu erfahren. Rentiere geben z.B. relativ wenig Milch, aber die enthält dafür gut 17 % Fett. Nach der obligatorischen Runde im Rentierschlitten zum Erhalt des Rentierführerscheins gab es noch einen Kaffee aus der traditionellen Knollentasse. Die „Kuksa“ wird in einem langen Entstehungsprozess im Ganzen aus einer Birkenknolle hergestellt. Saamische Folklore Jede ist somit ein individuelles Einzelstück und für eine gute Tasse muss man schon mal bis zu 80 € auf den Tisch legen. Das hält einen dann wahrscheinlich wenigstens immer davon ab, die Tasse doch aus Versehen mal in den Geschirrspüler zu stecken. :)
Zum Kaffee gab es Live-Gesang überlieferter samischer Volksmusik, was in etwas wie in diesem Video klingt. Die offizielle Flagge der Saami gibt es übrigens erst seit 1986. Das heutige Design ging damals aus einem Wettbewerb hervor. Der Kreis auf den traditionellen Farben symbolisiert sowohl den Mond als auch die Sonne. Zurück in Vasatokka gab es abends zum Abschluss noch einmal die Gelegenheit, ein letztes mal die Nordlichter zu bestaunen. Dazu muss man übrigens auch bei klarem Himmel etwas Glück haben. Statistisch gesehen ist die beste Zeit von 22.00 bis 2.00 Uhr und selbst dann kann das Naturschauspiel auch mal nur wenige Minuten andauern. Früher gingen die Samen davon aus, dass die Seelen der Toten versuchen darüber zu kommunizieren. In einer anderen Erklärung rennt ein Fuchs über die weitläufigen Fjells und wirbelt dabei mit seinem Schwanz jede Menge Schnee auf, der dann vom Mondlicht reflektiert wird…

Samstag:

Mit Verspätung ging es 9.00 Uhr zurück Richtung Tampere. Den Tag verbrachten wir aber erst noch im 80 km entfernten Saariselkä, um Husky-Schlitten, Schneemobil oder Ski zu fahren. Ich hatte mich für ersteres entschieden und allein die Ankunft war schon ein großartiges Erlebnis. Husky-Hundeschlitten Überall bellten die etwa 50 Hunde an den Schlitten und waren ganz wild darauf, endlich losrennen zu dürfen. In einem Schlitten waren immer zwei Leute, einer saß vorn und einer durfte „fahren”. Die 60 € war es auf jeden Fall wert, aber leider ging das Ganze viel zu schnell vorbei. Die restlichen 6 Stunden habe ich dann in den Läden der Stadt herumgeschlagen. Generell sind im Supermarkt mehr Rentierprodukte zu finden, als normalerweise in Finnland. Dabei ist nicht alles, was aus Lappland scheint, wirklich von dort. Ein Blick auf das Etikett verrät, dass die alkoholischen Knacker oder „Lappland-Kondome” aus deutscher Produktion stammen. Passt zumindest dazu, dass hier auch viele Hinweisschilder ebenso in Deutsch zu finden. Auf Straßenschilder besinnt man sich dann aber wieder auf die eigene Bevölkerung und so ist dort neben der finnischen immer auch noch die samische Bezeichnung mit angegeben. Punkt 18.00 Uhr ging es dann schließlich endgültig zurück auf die gut 1.000 km lange Reise in wärmere Gefilde…


Bisher ein Kommentar

Nikolay Zhukov meint:

13 Februar 2010 um 10:58 Uhr

Google translate rulezz!
It’s a very interesting story! A lots of interesting facts about Lapland and so on. Your little notepad is a very useful thing so I should use it too. :)
Have a nice day!

Kommentar hinterlassen

19. Oktober 2017, 11:51
Bewölkt
Bewölkt
4°C
 

Archiv

Kalender

Januar 2010
M D M D F S S
« Dez   Feb »
 123
45678910
11121314151617
18192021222324
25262728293031

Kategorien

Links