15 November 2009

Mehr Licht im Dunkeln

von werc | 18:01 Uhr | Land & Leute

In Finnland ist das Tragen von Reflektoren (fin. “Heijastin”) für Fußgänger Pflicht! Als ich Anfang Oktober das erste mal von davon gelesen hatte, war ich zugegebenerweise schon etwas überrascht, aber laut §42 der Straßenverkehrsordnung sind während der dunklen Jahreszeit Reflektoren tatsächlich obligatorisch. Nun wird die Wirksamkeit niemand abstreiten, aber warum muss ein Gesetz die Verwendung durchsetzen und wie kam es dazu? Muumi Reflektor

Die Geschichte der Sicherheitsreflektoren beginnt bereits in den 1950er Jahren. Die Plastik-Industrie wächst allmählich auch in Finnland und der Landwirt Arvi Lehti aus Pertteli versuchte sich mit seiner Kunststoffspritzgießmaschine neben der Herstellung von Haushaltswaren auch an der Produktion der allerersten Reflektoren für Karren und Pferdekutschen. Die steigende Verbreitung motorisierter Fahrzeuge und damit verbundene Nachfrage an Sicherheitsaustattung bescherten der Branche in den folgenden Jahren einen Aufschwung. Etwa seit Anfang der 60er gab es auch von Seiten der Behörden ein größeres Interesse an funktionierenden, einheitlichen Produkten und so resultierte aus der Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen der erste offiziell anerkannte Reflektor für Fußgänger. Mit großen Kampagnen wurde in den Regionen und Gemeinden für die Nutzung geworben. Darüber hinaus wurden auch in der Textilindustrie vermehrt reflektierende Materialien in die Kleidung genäht oder aufgeklebt. In ländlichen Gegenden nutzten zu der Zeit schon gut 40 % der Bevölkerung die Reflektoren.

Früher wie heute gab es allerdings Hersteller, die mit ähnlich aussehenden, aber minderwertigeren Produkten ein Stück vom Kuchen abhaben wollten. Mit den ersten geprüften Standards versuchten die nordischen Länder Ende der 70er Jahre dem entgegenzuwirken. Die Bestimmungen lassen sich in der heutigen Europäischen Norm 13356 („Warn-Zubehör für den nichtprofessionellen Bereich”) größtenteils wiederfinden.

Studien über die Wirksamkeit wurden unter anderem von Gun Johansson und Kåre Rumar von der Universität Uppsala durchgeführt. Wie der Name schon sagt, reflektiert der Reflektor Licht wieder zurück zur Quelle. Ein Autofahrer, der nachts mit Abblendlicht unterwegs ist, kann so einen Passanten anstatt in 40 m bereits 150 m vorher erkennen, mit Fernlicht steigt der Abstand sogar von 100 m auf 300 m. (Animation)

Reflektor Kampagne
Bild: liikenneturva.fi

Die vielen Untersuchung zur Seh- und Reaktionsfähigkeit von Autofahrern in verschiedenen Situationen, sowie Studien zu entsprechenden Unfällen in Dunkelheit, nach denen etwa die Hälfte der Fußgänger mit einem Reflektor wahrscheinlich überlebt hätte, haben wohl zu den gesetzlichen Vorschriften geführt. Bereits seit 1982 ist in Finnland für Fußgänger das Tragen von Reflektoren „nach Einbruch der Dunkelheit auf unbeleuchteten Straßen außer Fuß- und Radwegen” vorgeschrieben. Im Januar 2003 wurde die Regelung schlussendlich auch auf beleuchtete Gebiete ausgeweitet.

Insgesamt finde ich das Ganze gar nicht so schlecht. Heute gibt es die Reflektoren in vielen Farben und Formen, von Gespenstern, Fledermäusen, Mumins und Herzen bis zu neutraleren Schneeflocken, Dreiecken oder Armbändern. Es ist hier nichts außergewöhnliches mehr, irgendwelche Rückstrahler an der Kleidung baumeln zu sehen und insgesamt haben sie sich mehr oder weniger auch zum Modeaccessoire entwickelt. Trotzdem ist in der Stadt nur jeder Dritte mit einem Reflektor ausgerüstet, in ländlichen Gegenden sind es immerhin über 60 %. Konsequenzen für Nichteinhaltung gibt es übrigens keine, in Finnland sind keine Strafen dafür vorgesehen…

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